Hamburger Abendblatt vom 16.7.2001:

Ärztechef entlastet das UKE

Hepatitis-Chirurg: Nur in Göttingen war seine Krankheit bekannt

Im Falle des hepatitiskranken Herzchirurgen Prof. Wolfgang R. hat der Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund, Dr. Frank Ulrich Montgomery, scharfe Kritik am Universitätsklinikum Göttingen geübt. Eigentlich seien regelmäßige Untersuchungen in den Kliniken für alle Mitarbeiter vorgeschrieben. Dass die Infektion des Arztes in rund 24 Jahren Klinikarbeit nicht festgestellt wurde, nannte Montgomery „skandalös“. Offenbar habe sich im Falle Prof. R. eine „lasche Untersuchungspraxis eingeschliffen“. Wie ausführlich berichtet, hatte der Göttinger Herzarzt mehr als 5000-mal operiert, obwohl er seit 1977 von seiner Hepatitisinfektion wusste. Als Gastprofessor war er am UKE im Herbst 1999 an 44 Operationen beteiligt.
Über den Mediziner sagte Montgomery, der auch Chef der Hamburger Ärztekammer ist: „Dieser Mann hat keinen Respekt vor seinen Patienten.“ Seit Jahren wisse man, wie gefährlich Hepatitis B sei, gerade in der Herzchirurgie hätte R. nicht weiterarbeiten dürfen. Montgomery zum Abendblatt: „
Er hätte höchstens noch als Sozialmediziner Akten bearbeiten können“.
Montgomery nahm das Hamburger UKE ausdrücklich in Schutz: „Der Fehler wurde in Göttingen gemacht, in Hamburg war Prof. R. ja nur als Gastarzt tätig.“ Aus eigener Erfahrung wisse Montgomery, dass die Mitarbeiter-Untersuchungen im Hamburger Uniklinikum „sehr genau“ genommen würden.
Die Hotline des UKE, über die Fragen zur Herzchirurgie des Krankenhauses abgeklärt werden, wurde auch am Wochenende stark frequentiert. Die Mitarbeiter nehmen die Daten der Patienten auf, bevor in einem zweiten Arbeitsschritt die Krankenakte herausgesucht wird. Anhand der Unterlagen prüfen Experten die Anfragen, danach wird jeder Patient informiert. Wie eine Sachbearbeiterin des UKE sagte, liege der Schwerpunkt der Anfragen inzwischen eher beim Fall des hepatitiskranken Mediziners.
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen den Mediziner Prof. Friedhelm D. Der ehemalige Chefarzt der Herzchirurgie hatte - wie berichtet - trotz schwerer Behinderung nach einer Hirnblutung weiteroperiert. Wie das Nachrichtenmagazin „Focus“ am Sonntag berichtete, geht es bei den Ermittlungen um den Fall einer 74-jährigen Frau, die nach einer Operation im UKE am 8. Juni 1999 gestorben sei. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger, hat den Bericht mittlerweile bestätigt. (schmoo)

 

Brief an den Präsidenten der Hamburger Ärztekammer vom 19.7.2001:

Sehr geehrter Herr Kollege Montgomery!

Im Hamburger Abendblatt vom 16.07.2001 äußern Sie sich über den Herzchirurgen Prof. R. dahingehend, daß dieser wegen seiner Hepatitisinfektion in der Herzchirurgie nicht hätte arbeiten dürfen. Wörtlich : „Dieser Mann hat keinen Respekt vor seinen Patienten.“ Und: „Er hätte höchstens noch als Sozialmediziner Akten bearbeiten können.“

Wir entnehmen Ihrer abschätzigen Äußerung, daß Ihnen das berufliche Tätigkeitsfeld Ihrer sozialmedizinisch engagierten Kammermitglieder bislang unbekannt geblieben ist. Vom gewählten Präsidenten der Ärztekammer Hamburg darf erwartet werden, daß er sich in der Öffentlichkeit nicht herabwürdigend über einzelne Gruppen innerhalb der Ärzteschaft äußert. Zudem sollte er sich elementare Kenntnisse in denjenigen Bereichen aneignen, über die er sich öffentlich äußert.

Wir übersenden Ihnen mit diesem Schreiben das Fortbildungsprogramm des Arbeitskreises sozialmedizinisch interessierter Ärzte (ASIA) und laden Sie herzlich zur Teilnahme ein.

Sie hätten nicht nur Gelegenheit, sozialmedizinische Kompetenzen zu erwerben, sondern Sie könnten darüber hinaus lebendige Sozialmediziner persönlich kennenlernen und mit ihnen diskutieren. Vielleicht würden Sie sogar feststellen, daß Sozialmediziner nicht nur Akten bearbeiten, sondern auch Menschen untersuchen und beraten, und daß sie diesen zudem mit größtem Respekt entgegentreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Michael Jost, Internist/ Sozialmedizin
für den Arbeitskreis sozialmedizinisch interessierter Ärzte

 

(Urlaubsbedingt) am 27.8.2001 antwortete Herr Dr. Montgomery auf diesen Brief:

Ihm sei klar gewesen, dass das Zitat im Hamburger Abendblatt diese Reaktion bei uns hervorrufen mußte

„… und ich will Ihnen zum einen erklären, wie dies zustande kam, zum anderen mich dafür ausdrücklich entschuldigen“

In einem langen Hintergrundgespräch mit dem Journalisten hatte er auf das Dilemma hingewiesen, einen Hepatitis-infizierten Virusträger in der Medizin arbeiten zu lassen. Er versuchte ihm klarzumachen, dass ein solcher Arzt bei infektionsgefährdeten Eingriffen, wie beispielsweise in der Herzchirurgie, nicht mehr eingesetzt werden darf, wohl aber in medizinischen Bereichen, in denen der Patientenkontakt sich mehr über Akten oder einfache körperliche Untersuchungsvorgänge gestaltet. Ohne Rückkoppelung mit Herrn Dr. Montgomery hatte der Journalist dieses zu dem umstritten Zitat verkürzt.

Herr Dr. Montgomery stand selbst jahrelang arbeitsmedizinischen Gremien der Bundesärztekammer vor und

„… nehmen Sie mir bitte ab, dass ich nicht den geringsten Dünkel gegenüber Sozialmedizinern hege, sondern Ihre Arbeit sogar kenne und schätze.“

Wenn man als Person des öffentlichen Lebens zitierfähige Formulierungen „absondert“ , würden durch journalistische Verkürzungen leider derartige handwerkliche Fehler geschehen.

Der Brief von Herrn Dr. Montgomery endet wie folgt:

„… Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen und Ihren Kollegen hierfür ausdrücklich entschuldigen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Entschuldigung auch an den Ihnen nahestehenden Kreis weiterleiten könnten.“

Dies werde ich gerne tun.

 

10.12.2007